DIE WELTFORMEL
Winfried Lintzen
I.1: Herr Winkler, Sie sind in dieser Woche, am 25.8.2088, 80 Jahre alt geworden.
Wir freuen uns, daß Sie uns zu diesem Anlaß gestatten, Sie einmal zu Ihrer Person
zu interviewen. In Ihrem Leben gibt es einige Superlative, einer davon ist
die Weltformel. Als Sie sie entdeckten, waren Sie gerade mal 17, ein junges Genie.
Bisher hat noch kein anderer auf dem Gebiet der Physik in so jungen Jahren
so etwas Bedeutendes geleistet. - Die Vorgeschichte davon war, daß Sie mit 10
in ein international renommiertes Elite-Internat aufgenommen worden waren
und mit 14 studierten Sie bereits bei Erena Sellars, der Nobelpreisträgerin. -
Was ist das für ein Lebensgefühl, wenn man als Kind schon so überdurchschnittlich
ist? Wie war das für Sie, zu merken, daß Sie so anders als die anderen
Kinder waren?
W.: Ich war nicht immer anders. Ich bin da hineingewachsen.
I.2: Wie fing das alles an?
W.: Meine ersten Erinnerungen - da war ich noch keine vier - o ich hatte ein
wunderbares Lebensgefühl.... Unsere Eltern haben nicht nur uns Kinder, sondern
auch unsere Kindheit gehegt und gehütet. Sie hatten nicht diese Art von
Überheblichkeit, wie sie viele Erwachsene haben, nach dem Motto: „Wie schön,
ein Kind noch zu sein“ - als ob Kinder noch keine „richtigen“, keine „ausgewachsenen“
Probleme hätten, sondern nur „Kinderprobleme“, die entweder
unvernünftig sind und nicht so recht ernstzunehmen, oder wie sie Kinderzahnbürsten
und Kinderschuhe haben: alles klein und niedlich. Nein, unsere Eltern
wollten, daß wir uns mit dem Erwachsenwerden nicht deshalb nicht beeilen,
weil es so schön ist, ein Kind noch zu sein, sondern weil Kindsein und Heranwachsen
verdammt ernste Sachen sind, die man gründlich erledigen sollte. - Ich
habe mir immer gerne die Stimmung meiner ersten Erinnerungen zurückgerufen.
Sie sind ganz beherrscht von der Sommerlandschaft - vom Blick in eine
warme, helle, trockene Weite und von dem Gefühl, daß alles, was hinter den
Horizonten kommt, auch gut ist. Ich kann darüber richtig ins Schwärmen geraten...
Zu diesem Daseinsgefühl möchte ich sagen: „Das bin ich. Ich war nie erwachsener,
reifer, weiser.“ - Das ist interessant, nicht war?
I.2: Wie war das, als Sie zum ersten Mal gemerkt haben, daß sie überdurchschnittlich
waren?
W.: O, das fing ganz unschuldig an! Ich wollte doch eigentlich nichts anderes
tun, als das, was meine älteren Geschwister auch taten! Wenn sie nach Hause
kamen, konnten sie nicht gleich mit mir spielen, sondern mußten erst Hausaufgaben
machen - tja, und ich saß dabei und wollte auch sowas machen. Ich weiß
heute gar nicht mehr genau, wie es kam, aber irgendwie konnte ich dann irgendwann
mal Schreiben und Rechnen - und bald konnte ich es sogar besser als
meine Geschwister.
I.1: Und ihre Eltern waren stolz, und ihre Geschwister neidisch?
W.: Natürlich waren meine Eltern freudig überrascht, wie könnte es anders
sein. Aber es war ein milder Elternstolz, in dem nichts drängendes, nichts nervös-
fieberndes lag - es war wie das Lächeln über einen besonders witzigen und
gelungenen Streich.
I.2: Und ihre Geschwister?
W.: Nein, die waren nicht neidisch, die konnten alles gut genug und hatten genug
Erfolg. - Sehen Sie: für uns hatte das alles etwas naiv-selbstverständliches.
Für mich selbst war es so natürlich, daß ich mich nicht darüber wunderte, daß
ich das so gut konnte, sondern darüber, daß die anderen es nicht so gut konnten,
daß sie dumme Fehler machten und Lösungen, die auf der Hand lagen,
nicht sahen - genauso wie ich mich darüber gewundert hatte, als die Eltern von
Ruth, einer Spielgefährtin, uns erklärten, Ruth könne nicht so gut mit Bällen
spielen, weil sie auf dem einem Auge weniger sähe, als auf dem andern und
uns das dann nachvollziehbar machten, indem sie uns aufgaben, ein Papierknäuel
mit einem zugekniffenen Auge zu fangen. „Sieh da“, dachte ich, „soetwas
gibt es!“ Für meine Geschwister waren meine Fähigkeiten eher erheiternd:
„Sieh mal an, wie schnell er das raushat“, lächelten sie oft. Und sie konnten einfach
darauf zählen, daß ich gut rechnen konnte - so, wie Hans, ein Nachbarsjunge,
gut laufen konnte, und wir ihn bei unseren Streichen immer als Spezialist
einsetzten, wo alles von Flinkheit abhing.
Gestutzt habe ich erst, als meine Eltern sich immer mehr wunderten. Sie fingen
an, mit mir Rechenspiele zu machen, und zeigten mir völlig neue Möglichkeiten
- im Nachhinein habe ich beinahe den Eindruck: immer in der Hoffnung, daß
ich sie nicht begriffe. Aber ich begriff alle und leitete mir selbst neue Möglichkeiten
daraus ab und fragte immer gieriger nach weiteren. Ihrem Erstaunen
bemächtigte sich allmählich etwas immer Ernsteres - ein etwas besorgter aber
auch würdevoller Ernst, der mir das Gefühl gab, soetwas wie der Hüter eines
Schatzes zu sein. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich Verantwortung.
I.1: Wie alt waren Sie da?
W.: Sechs oder sieben Jahre. - Meine Eltern haben mich erst gar nicht in die
Schule geschickt sondern unterrichteten mich zu Hause.
I.1: Führte das nicht zu einer Außenseiterposition und zu Neid von Seiten der
Kinder, die in die Schule mußten?
W.: Nur ein wenig. Ich kannte ja noch viele Kinder von vor der Schulzeit und
war auch über meine Geschwister in die Kinderkreise integriert. Es hieß einfach,
daß ich besser zu Hause lernen könnte und das brachten die anderen Kinder
wohl damit in Zusammenhang, daß ich ein sehr zartes Kind war. Und sie
sahen ja, daß auch ich Hausaufgaben hatte. Und die Tage waren Gottseidank
lang genug, um auch nach der Schule noch etwas miteinander anzustellen.
Nicht zuletzt hatten auch meine Eltern ein Auge auf meine soziale Entwicklung:
Sie förderten mich mit einem Privatlehrer, aber in dem Maße, wie sich mir die
Welt der Mathematik erschloß und mich vereinnahmte, griffen sie auch zu resoluten
Gegenmaßnahmen. Diese immer unwahrscheinlicheren Zusammenhänge
und Möglichkeiten, die Erfolge bei der Lösung immer komplizierterer Probleme,
nahmen mich so gefangen, daß ich von mir aus nichts anderes gemacht hätte,
als das. Oft schlief ich tüftelnd ein und begann am nächsten Morgen schon
vor dem Augenaufschlag wieder mit dem Tüfteln. - Wenn meine Eltern mich
nach Unterricht und Übung zum Spielen schickten, schlich ich mich heimlich
wieder ins Haus, nahm irgendein Mathematikbuch und verzog mich damit in
einen versteckten Winkel des Hauses. Es kam schließlich dahin, daß meine Eltern
mich von den andern Kindern abholen ließen. Ich fand dann zwar auch
Freude daran, wenn wir im Wald unsere Burgen ausbauten oder verbotenerweise
in den Scheunen der Bauern in den Strohballengebirgen kletterten und
balgten, oft zog ich mich aber vom Geschehen zurück, saß auf einem Fels oder
in einer warmen Ecke und sann über meine Formeln. Ich wurde immer stiller
mit der Zeit und galt mehr und mehr als ein notorischer Träumer, mit dem nur
bedingt etwas anzufangen war. - Und doch haben ja Kinder immer irgendetwas
zusammen zu erledigen. Und so fügte es sich manchmal, wenn irgendetwas
getan werden mußte, das ein Team erforderte, daß der größte Träumer und der
größte Rabauke des Dorfes einträchtig zusammen eine entlegene ausgediente
Pumpstation erforschten oder bei einem daraufhin noch nicht untersuchten
Bauernhof erkundeten, wie man unentdeckt ein paar Eier aus dem Hühnerstall
stibitzen konnte.
I.2: Aber diese Idylle hatte irgendwann ein Ende... Es gibt da diese Anekdote ...
W.: Ja... - Ja... Es fing damit an, daß meine Eltern mit mir nach Berlin verreisten.
Dort - ich seh es noch vor mir - in einem riesigen Gebäude, das so weitläufig
war, daß ich mich wunderte, daß meine Eltern dort überhaupt das kleine Zimmer
fanden - in diesem gemütlich eingerichteten Arbeitszimmer stellten sie
mich einem sehr netten älteren Herrn vor, der mit mir Englisch sprach. - Englisch
hatte meine Mutter mir beigebracht, so gut es ging. - Da waren sie enttäuscht
gewesen mit mir: mir war das Erlernen dieser Sprache außerordentlich
schwer gefallen, und nur die Aussicht, damit einmal richtig meine Wissenschaften
studieren zu können, sowie die spaßige Art, in der meine Mutter dann mit
mir „Amerika“ spielte - in Englisch - hatten mir zu meinen bescheidenen
Sprachkenntnissen verholfen. - Nun ... Ach ja, dieser Mann gab mir Aufgaben -
ich war ein wenig aufgeregt, denn ich wußte, zum ersten Mal war es kein Spiel
mehr, zum ersten Mal hing etwas davon ab - aber es war eine wunderbare Aufregung:
denn zum ersten Mal konnte ich in einem der großen ernsten Gebäude
der Welt zeigen, was ich konnte. Ich war schon etwas beklommen, als ich die
Aufgaben bekam und sah, daß sie wirklich nicht leicht waren und voller
Fallstricke - aber dann dieser Augenblick, ein Schauer durchlief mich, ich wußte
plötzlich: ich würde all dem gewachsen sein, denn ich würde an keiner Stelle so
hilflos sein, daß ich meine Hilflosigkeit nicht instruktiv analysieren könnte... -
Dieser Mann war ziemlich erstaunt, als er mich rechnen sah. Hinterher blickte
er mich durchdringend an und sagte auf deutsch, mit breitem amerikanischem
Akzent: „Ohh Mann, Görrhaard! Das ist gut, das ist wörrklisch verrdahmt gut!“
Dann wandte er sich meinen Eltern zu und ich sank erschöpft und zufrieden in
einen Sessel. - Aufgrund dieser Prüfung erhielt ich ein Stipendium für ein In-
ternat in den Vereinigten Staaten. Diese Schule für Hochbegabte hatte keine
unteren Klassen, aber man war wegen meiner ungewöhnlichen Leistungen übereingekommen,
mich in den mathematischen Fächern dort teilnehmen zu
lassen und den anderen Unterricht für mich einzeln zu organisieren. -
Meine jüngsten Mitschüler dort waren 14, ich war 9. Fünf entscheidende Jahre
fehlten. - Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was passierte. Sie waren
alle sehr nett zu mir, sicher. Aber sie waren alle ein ganzes Stück ernster und so
merkwürdig unter sich beschäftigt. - Sie bewunderten mich zwar und es gab
kollegiale Zusammenarbeit - aber sonst konnte keiner von ihnen mit mir etwas
anfangen, und meine Streiche fanden sie nicht lustig sondern nur lästig. - Ich
war allein, zum ersten Mal in meinem Leben allein. Wie gesagt, ich weiß nicht
mehr genau, was dann geschah, ich habe soetwas wie eine Erinnerungslücke.
Ich erinnere nur noch diesen bohrenden, vorher nie gespürten Schmerz. Das
nächste, was ich weiß ist, wie ich mit herzzerreißendem Schluchzen in den Armen
einer großen dicken Polizistin lag, die mich ganz herzlich festhielt. Sie hatte
mich zurückgebracht. Man sagte mir, daß meine Eltern in zwei Tagen kommen
würden. Alle waren ganz lieb zu mir, aber ich wollte nur bei der Polizistin
bleiben. Das durfte ich dann auch.
I.1: Ihre Eltern waren sicher ziemlich schuldbewußt und schockiert...
W.: Nun, ich glaube noch schockierter waren sie - aber diesen Schock ließen sie
sich nicht anmerken - als sie sahen, wie sich die Sache entwickelte...
I.2: Darüber wissen wir noch sehr wenig ...
W.: Nach meiner Rückkehr hatte sich etwas mit mir verändert. Ich mochte nicht
mehr mathematisieren. Ich mochte einfach nicht. Meine Eltern ließen mich
natürlich gewähren. Sie sprachen von „Ferien“ von der Mathematik, Erholung,
Ausruhen. - Ich streifte viel allein durch die Landschaft. Jetzt, wo mich die Fas-
zination an der Mathematik losgelassen hatte, hatte ich seit Jahren wieder Aufmerksamkeit
genug, um ganz in den Schönheiten der Landschaft aufzugehen.
Es zogen Wochen ins Land - und an meiner Haltung änderte sich nichts. - Es
zogen Monate ins Land - aber es änderte sich immer noch nichts. - Meine Eltern
drängten nicht und ließen sich auch nicht anmerken, wie besorgt sie waren -
das ahnte ich nur...
I.1: Aber wie kam das, daß Sie sich so lange nicht mehr mit Mathematik beschäftigen
wollten, die doch zu Ihrem ganzen Lebensinhalt geworden war?
Hatte die Mathematik ihre Faszination für Sie verloren?
W.: Nein...ich mochte einfach nicht...
I.1: Aber wieso?
W.: Ich wollte einfach nicht an die Mathematik denken. Irgendetwas in mir
wehrte sich dagegen. Und ich wollte auch nicht darüber nachdenken, warum
ich nicht an die Mathematik denken wollte - und auch nicht darüber, warum
ich nicht über den Unwillen nachdenken wollte, nicht über meinen Unwillen
zur Mathematik nachdenken zu wollen. Ich wußte schon, „da ist noch was“,
aber...
I.2: Diese Haltung hat sich ja dann auch wieder geändert. Wie kam es zu dieser
Veränderung?
W.: Ich spürte nach einiger Zeit, daß irgendetwas hinter meinem Rücken im
Gange war, betreffs meiner Zukunft. Aber auch davon wollte ich nichts wissen.
- Nach etwa dreiviertel Jahr eröffnete mir meine Mutter folgendes: Wenn ich
wolle, könne ich vorerst noch Ferien machen, und zu Beginn des nächsten
Schuljahres werde man dann sehen, ob ich in eine normale Schule aufgenommen
werden könne. Es gebe aber auch noch eine andere Möglichkeit: man habe
in den USA eine andere Schule gefunden, mit Kindern in meinem Alter. Sie habe
darüber hinaus dort eine Stelle als Deutschlehrerin angeboten bekommen
und nun könnte - wenn ich das wolle - die ganze Familie dorthin übersiedeln. -
Ich wußte an diesem Abend nichts dazu zu sagen. Ich spielte wie gewöhnlich
noch etwas Klavier vor dem zu Bett gehen - aber am nächsten Morgen erwachte
ich mit Lust auf Mathematik.
I.2: Sie müssen sich dann gut in die neuen Verhältnisse eingefunden haben,
denn ab da ging es mit Ihrer Entwicklung steil nach oben.
W.: So ist es. Ich hatte sozusagen ein neues Dorf für mich gefunden, in dem ich
ungestört leben und arbeiten konnte.
I.2: Ungestört auch von Pubertätsstürmen?
W.: Die sind bei mir sehr milde verlaufen - vor allen Dingen weil ... Sehen Sie,
auch da hatte ich Glück: ich hatte mich sehr schnell mit einer Mitschülerin befreundet,
sie war ein Jahr jünger als ich. - Das war anfangs noch ganz unschuldig,
ich war ja erst 11 und sie 10 - aber wir waren ein gutes Team, und haben
gemeinsam all die Veränderungen, die mit uns, unseren Mitschülern und unseren
Eltern vorgingen, in dieser Zeit, erkunden, besprechen - und - ja - genießen
können...
I.2: Nun... Ihr „großer Coup“, wie Sie es nennen, Ihre Entdeckung der Weltformel
mit 17 - hat Sie das nicht ein bisschen größenwahnsinnig gemacht?
W.: Ich glaube, Menschen, die sich immer gewünscht haben, ein wenig mehr
bewundert zu werden und wichtig zu sein, können sich das kaum anders vorstellen.
- Für mich war das eine wunderbare Bestätigung, sicher - aber es lag auf
meiner Entwicklungslinie, es war nichts so besonders Außergewöhnliches für
mich. - Es war auch zu jener Zeit nicht das Wichtigste in meinem Leben. Das
Wichtigste war meine gesamte soziale Infrastruktur: meine Freunde, meine
Familie und meine Lehrer und Kollegen. - Und da hatte ich bereits alles was ich
brauchte, durch die Entdeckung hat sich da nicht viel geändert...
I.2: Berühmt wollten Sie nicht sein - können Sie uns nocheinmal erzählen, warum
Sie sich fast dreißig Jahre lang vor der Öffentlichkeit versteckten? War das
Ihre Idee?
W.: Nein. Es war der Lebensgefährte von Erena, der den Anstoß gab, darüber
nachzudenken, ob es sich nicht lohnen könne, mit dieser Situation bewusst umzugehen.
Und da bin ich zu dem Entschluß gekommen, daß mir durch Berühmtheit,
durch die Neugier der Welt, höchstens Möglichkeiten verloren gehen
- die Möglichkeiten einer unbefangenen Bewegung - aber daß ich keine einzige
Möglichkeit gewinnen würde, denn alles, was ich brauchte: Kontakte und
Förderung, konnte ich mir durch Erenas Verbindungen auch hinter den Kulissen
besorgen.
I.2: Sie haben dann alles über Frau Sellars abgewickelt und sind selbst nicht
namentlich in Erscheinung getreten.
W.: Das war gar nicht so einfach. Die Weltöffentlichkeit wollte einfach ihr Genie.
I.2: Als es einmal mit den Nachstellungen ganz heftig wurde, ließen Sie der
drängenden Weltöffentlichkeit jene berühmte Pressemitteilung zukommen lassen.
Soll ich sie Ihnen vorlesen?
W.: Ja bitte, es ist sehr lange her, ich habe den Wortlaut nicht präsent.
I.2: „Glück heißt für mich: respektiert und geliebt zu werden und ein ausgewogenes
Verhältnis zwischen Geben und Nehmen zu erreichen. Ich möchte meine
Anerkennung nicht mit einer Begabung verdienen, die genauso unverdient ist,
wie meine Haarfarbe. Ich möchte für das anerkannt werden, was ich als Mensch
bedeute, der lieben kann und der Unterstützung geben und brauchen kann. Ich
möchte anerkannt werden, für meine Art, humorvoll zu sein und meine Art,
mich mit anderen Menschen zu freuen. Das Rampenlicht der Welt stört da
bloß.“ -
Hat das geholfen, den Druck der Journalistenneugier zu verringern?
W.: Nein, so naiv waren wir nicht, das hatten wir gar nicht intendiert. Wir wollten
nur ein Zeichen setzen, zeigen, worauf es ankommt und worauf nicht. - Die
Situation wurde für uns aus einem anderen Grund leichter: ich hatte begonnen,
mich Fragen zuzuwenden, die mit dem physikalischen Forschungsbetrieb
nichts mehr zu tun hatten. - Sehen Sie, es ist doch frappierend: die Forschung
geht aus von Ideen, die überhaupt nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, die
rein spekulativ sind - z.B. daß es Atome gibt, oder daß Licht ein Teilchenstrom
ist - und doch gelingt es uns, damit Strukturen der Wirklichkeit einzufangen,
handhabbar zu machen. - Und das hat mich interessiert, wieso wir das können:
uns die Wirklichkeiten der Mikro- und Makrodimension zugänglich zu machen,
obwohl wir doch evolutionär gesehen bloß die Kompetenz haben müßten,
Äpfel von Birnen zu unterscheiden. Nachdem ich soviel mit der Intelligenz gearbeitet
hatte, wollte ich wissen, wie diese Intelligenz aufgebaut ist, wie sie arbeitet,
was ihre elementaren Operationen sind; und ich wollte diese Operationen
in ihrem evolutionären Sinn verstehen, in dieser Spannung zwischen Autopoiesis
und Anpassung.
I.2: Das war, nachdem Sie mit Erena Sellars zusammen auf der Grundlage der
Weltformel ein ganz neues Paradigma in der Physik entwickelt hatten. - Sie
sind dann mit Ihrer Frau und ihrer Tochter aufs Land gezogen, in einen alten
Bauernhof. - Hatten Sie da endlich, was Sie wollten, die dörfliche Umgebung
Ihrer Kindheit?
W.: Naja, wo ich aufgewachsen bin, das war ja schon kein richtiges Dorf mehr,
da gab es ja schon viele Siedler aus der Stadt. Aber für meinen Rückzug hatte
ich mir wirklich ein abgelegenes Dorf in den Rocky Mountains ausgesucht, da
war schon einiges anders. Wir wurden nicht mit der gleichen freudigen Erwartung
begrüßt, die ich für unsere neuen Nachbarn hegte. Vielmehr mit Skepsis
und Neid. Wir waren für sie die Akademiker, Menschen, die ihre Hände nicht
schmutzig machen müssen sondern sich nur mit den schönen und interessanten
Dingen des Lebens beschäftigen dürfen, dafür auch noch mehr Geld bekommen
und mehr Achtung, weil sie als intelligenter gelten. - Das Beste was wir im Laufe
der Jahre erreichen konnten, war, daß sie uns respektierten auf der Basis: jeder
macht seine Arbeit. - Und daran hatte meine Frau den größten Anteil. Sie
hatte Sozialarbeit studiert und kannte sich aus mit Arbeitsrecht, Sozialrecht,
Familienrecht usw.. Zunächst hatte sie gar nicht daran gedacht, ihre Kenntnisse
hier anzuwenden. Wir waren finanziell nicht darauf angewiesen, daß sie arbeitete.
Sie wollte sich ganz dem Kind widmen und hatte ein Fernstudium in Psychologie
belegt, für ihre eigene Weiterentwicklung. - Aber dann ergab es sich,
daß sie, als sie mit Nachbarn ins Gespräch kam, beiläufig von deren Problemen
hörte, und, weil es sie zu interessieren begann, ihre Kenntnisse zu nutzen, ihnen
ihre Hilfe anbot. Und daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit eine regelrechte
kleine Rechtsberatung und Schlichtungsstelle. - Ohne diesen Umstand wären
wir wohl nie integriert worden.
I.2: Wie ging es dann mit Ihnen weiter?
W.: Nun, ich arbeitete in aller Stille an meinem Werk über die philosophy of
mind anhand der Naturwissenschaften - unterbrochen nur von einigen Kongressen,
Forschungs- und Diskussionsaufenthalten überall in der Welt - oder
manchmal auch nur von einem Treffen mit interessanten Persönlichkeiten, in
irgendeiner Weltstadt, rein interessehalber, durch Erenas Vermittlung. So habe
ich die Komponistin Yvonne Belaval getroffen, damals, als sie noch in Tokio
lebte, die Fotografin Koslowa in Johannesburg, die Malerin Pandjertawi in New
York... Es war eine wunderbare Zeit...
I.2: Und wenn Sie dann zurückkamen von Ihren Reisen und Abenteuern, waren
Sie ein glücklicher Familienvater?
W.: Ja. Ich hatte mich durch meinen Rückzug von vielen Verpflichtungen freigemacht
- wenn man einmal die Weltformel entdeckt, dann tun sich einem genügend
finanzielle Ressourcen auf, ich war ja auf keine Tätigkeit angewiesen,
um meine Familie ernähren zu können - und deshalb konnte ich mir viel Zeit
nehmen, mit meiner Frau zusammenzusein und meine Kinder bei ihrem Heranwachsen
zu begleiten...
I.2: Als Sie 45 waren haben Sie ihr Inkognito beendet. Warum?
W.: Ich hatte fast 20 Jahre lang in relativer Abgeschiedenheit geforscht, meine
Kinder aufgezogen, musiziert - . Ich hatte mir eine neue Basis erarbeitet und
wollte wieder mehr Kontakt mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft haben
und mich frei unter den Kollegen bewegen können. Zudem waren meine Kinder
fast erwachsen, sie würden nicht von dem Rummel um ihren Vater gestört
werden; und schließlich stand ich ja auch bereits in der Mitte meines Lebens:
die Weltformel war nichts neues mehr, was mich so in den Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit gestellt hätte; und mit 45 ist man reifer, abgeklärter, da stört
einen das Rampenlicht nicht mehr so sehr - man hat keine Jugend mehr, die
man sich versauen kann.
I.2: Sie waren dann nur noch etwa 10 Jahre in der physikalischen Grundlagenforschung
tätig und haben sich danach nur der philosophy of mind gewidmet.
W.: Ja. Sehen Sie, meine naturwissenschaftliche Tätigkeit war schon längst nur
noch eine Art Labor für meine philosophy of mind. Ich brauchte sie, um darüber
reflektieren zu können - wir können nicht wirklich gut über etwas reflektieren,
wenn wir nicht darin tätig sind. - Die Philosophie war die eigentliche
große Faszination, die ich erlebt habe - nachdem mich anfangs eher Neugier
dazu motiviert hatte wurde sie mir mehr und mehr zu einer existentiellen Faszination
- zu einer Vision über das Menschsein.
I.1: Können Sie diese Vision in kurzen Worten umreißen?
W.: Nun sehen Sie, es dreht sich alles darum: Unsere Identität als Individuum
ist uns als das Bewußtsein unserer Selbst gegeben - als bewußte Orientierung in
der Differenz von Innen- und Außenwelt. Nun ist aber Bewußtsein sprachlich
konstituiert: was Sie nicht sprachlich explizieren können, ist Ihnen auch noch
nicht völlig klar - nur in dem Maße, wie Ihnen ein Gedanke oder eine Vorstellung
klar ist, können Sie sie sprachlich explizieren. - Sprache ist aber nichts Individuelles
sondern etwas Soziales. - So sind wir also in unserem Individuellsten,
dem Bewußtsein unserer Selbst, zugleich immer schon auf Andere bezogen
- das Innere konstituiert sich aus einem Äußeren, das Individuelle aus dem Sozialen.
- Das ist eine fast mystische Meditation, wenn Sie diesen Tatbestand
immer tiefer in die Logik der Sprache zurückverfolgen, wenn er Ihnen in immer
differenzierteren Zusammenhängen aufgeht. -
I.2: Ich würde nun gerne wieder auf Ihre Person zurückkommen, Herr Winkler,
auf die Gegenwart. Sie gelten als einer der ganz Großen dieses Jahrhunderts, als
eine Synthese aus Wittgenstein und Einstein. - Daher auch Ihr Spitzname
„Zweistein“. - Was ist das für ein Gefühl, ein so berühmter und bedeutender
Mensch zu sein?
W.: Das ist eine sehr abstrakte Frage. Genauso könnten Sie fragen, wie es sich
anfühlt, einer der gesündesten Menschen des Jahrhunderts zu sein. Was mein
Leben zu einem denkbar erfüllten und gelungenen Leben gemacht hat, waren
die Möglichkeiten, die sich mir aufgetan haben und die ich genutzt habe: Ich
konnte immer meiner Faszination leben, bin viel in der Welt herumgekommen,
kenne die bedeutensten Philosophen, Künstler und Wissenschaftler persönlich;
als ich mich in die Grundlagen der philosophy of mind einarbeiten wollte,
wurde ich von den besten Experten eingeführt - ohne sie hätte ich Jahre gebraucht;
viele interessante Frauen, die meinen Weg kreuzten, waren von mir
fasziniert oder sie hatten wenigstens Interesse, mit mir zu Abend zu essen.
I.2: Aber war und ist es nicht einfach ein schönes Gefühl, als eines der größten
Genies des Jahrhunderts zu gelten?
W.: Ich verstehe Ihr Insistieren auf diesem Boulevardblatt-Thema: die unauslöschliche
Aura des Ruhms. Jeder weiß, daß sie eine Illusion ist, aber dieses
Wissen hat noch niemandem geholfen, ein ungestilltes Ruhmbedürfnis zu pazifieren.
Ja, ich habe zweifellos in meinem Leben einen ungewöhnlich bedeutenden Beitrag
geleistet - ich denke da übrigens am wenigsten an die Weltformel - und das
hat meinem Leben einen unzweifelhaften Sinn gegeben. Dieses Unzweifelhafte
ist sehr befriedigend, sicherlich. Sehen Sie: Jeder Mensch weiß vom Verstand
her, daß sein Leben die Welt ein wenig verändert hat, daß er denen, die ihn überleben
ein wenig mit auf den Weg gegeben. Aber Vielen reicht dieses Wissen
einfach nicht. Sie fühlen sich wie jemand, der in den Ozean spukt. Und sie haben
ja insofern recht: Ohne Sie sähe die Welt nicht merklich anders aus. - Gut,
bei mir ist das anders: ohne mich sähe die Weltöffentlichkeit - zumindest zum
gegenwärtigen Zeitpunkt - tatsächlich ein wenig anders aus, ...
I.1: Aber ohne die Weltformel auch - Sie haben deren Bedeutung eben so heruntergespielt
...
W.: Nun, ich meinte die Bedeutung ihrer Urheberschaft. Damals waren viele
Forscher und Forscherteams im Rennen nach dieser Formel. Ich konnte mich
später davon überzeugen, daß einige bereits ganz nah dran waren, als ich sie
gefunden hatte. Ich war nur etwas schneller, das ist alles. Sehen Sie: so illusionär
kann der Ruhm sein: Was macht Frauen und Männer bedeutsam? Die Aufgabe,
die ihnen übertragen wurde, sei es von einem Betrieb, einer Institution
oder einem historisch-sozialen Kontext. Wenn sie das leisten, was dort zu leisten
ist, sagen sie stolz: „Das habe ich gemacht“, als wenn niemand anders es
auch hätte tun können. Es scheint so, als käme es darauf an, und nicht darauf,
an der Aufrechterhaltung der Strukturen und des kulturellen Niveaus mitzuwirken,
die solche Leistungen ermöglichen. Wer auf den Knopf drückt ist letztlich
doch recht unerheblich, eine Ehre wie die, das erste Stück Kuchen zu bekommen
- eine Kaffeeklatsch-Ehre.
I.1: - Gut, eine Abwandlung des Bildes von den Riesenschultern. Aber so wie
Sie es verstehen, nach dieser Logik müßten Sie ja alle Verdienste, die Sie sich
um die Physik erworben haben, relativieren!
W.: Warum auch nicht? Warum wollen Sie mich denn unbedingt so verdienstvoll?
Ich habe nie etwas auf mich genommen, um mich um eine Sache verdient
zu machen. Ich bin immer nur meiner Faszination gefolgt. Deshalb habe ich ja
auch der Physik den Rücken gekehrt.
I.2: Aber Sie haben doch schon sehr früh fleißig Mathematik studiert, in einem
Alter, in dem andere Kinder sich noch regelmäßig selbst um die läppischsten
Hausaufgaben herumzudrücken versuchen.
W.: Ich war nie fleißig. Mein Arbeiten war rein triebhaft. Mir das Rechnen zu
verbieten wäre so gewesen, wie der Katze das Mäusefangen zu verbieten. Meine
Disziplin - sowohl was Arbeitsintensität wie Arbeitsorganisation angeht -
ergab sich für mich immer aus der Faszination an der Sache. - Wenn Sie so wollen,
war ich mit meiner Disziplin sogar ziemlich undiszipliniert, ich habe ja eben
erzählt, wie meine Eltern meinem Arbeiten Grenzen setzen mußten.
I.1: Aber wenn ich Sie eben recht verstanden habe, ist für Sie die Gewißheit,
etwas Bedeutendes zu hinterlassen doch das Befriedigenste an ihrer Genialität?
W.: Ja, das muß ich klarstellen. Sehen Sie, ich sehe das wirklich Bedeutende in
meinem Leben in etwas anderem als meinem wissenschaftlichen Werk - in etwas
- ich möchte sagen - Genieunspezifischen. - Ich bin dankbar für die Privilegien,
die mir meine Begabung eingebracht haben, weil sie mir erleichterten,
meinem Leben diese Bedeutsamkeit zu geben, aber....
I.1: Sie machen uns neugierig....
W.: Sehen Sie: Was unsere Kultur auszeichnet ist doch nur scheinbar in erster
Linie Wissenschaft und Kunst! Sondern sie hat damit eine bestimmte Haltung
zum Leben und zu allem Lebendigen ermöglicht - gestatten Sie mir, es mit der
Rührseligkeit eines alten Mannes zu sagen: die Haltung, alles liebevoll in den
Arm nehmen zu können und in seiner Eigenart heilig zu halten. - Freilich, daß
diese Haltung, für die ich bekannt geworden bin - und die übrigens, falls Sie
wieder auf Verdienste hinauswollen, billig von jemandem zu erwarten ist, der
vom Schicksal so bevorzugt wurde wie ich - ich wollte sagen: was für mich jetzt
zweifellos eine weitere angenehme Konsequenz meines Ruhmes darstellt, ist,
daß ich diese Haltung der sozialen Intelligenz ganz anders in die Welt ausstrahlen
kann, da ich sozusagen zu einem „öffentlichen“ Menschen geworden bin,
als wenn ich sie wie ein normaler Mensch leben würde, als ehrwürdiger Opa
oder Dorfgenosse.
I.1: Die Zufriedenheit mit Ihrem Leben speist sich also weniger aus dem, was
Sie geschaffen haben, als daraus, daß Sie für die Menschheit eine Art Personifikation
geworden sind des humanistischen Geistes einer möglichen aufgeklärten
Weltkultur mit einer höheren sozialen Intelligenz.
W.: Sie meinen, es gefiele mir, so eine Art Vorbild zu sein? Vielleicht haben Sie
recht, aber nur in einem nicht-moralischen Sinne. - Kennen Sie den Satz, den
Brecht seinem Galilei in den Mund legt: „Traurig ein Land, das Helden nötig
hat“? Ich habe eine ganz spezielle Lesart für dieses Diktum. Sehen Sie, ein
Handwerk ist doch erst dann hoch entwickelt, wenn man nicht mehr überdurchschnittlich
sein muß, um darin etwas Verläßliches zu leisten, wenn auch
ganz durchschnittliche Menschen darin Meister werden können. An eine Kultur
stelle ich den gleichen Anspruch: sie ist erst in dem Maße hochentwickelt, wie
es für die Menschen keine Anstrengung ist, moralisch zu sein. „Soziale Intelligenz“
heißt, daß man in jeder Situation erkennen kann, wie eine Orientierung
an Solidarität und Kooperation die Lebensbedingungen verbessert bzw. einer
Verschlechterung vorbeugt und daß man so geübt darin ist, den eigenen Antrieben
einen Weg zu finden, der mit den Ansprüchen von Solidarität und Kooperation
vereinbaren läßt, daß man einfach nicht mehr darauf angewiesen ist,
ihnen auf Kosten von anderen Menschen Raum zu geben. - Genauso, wie man
heute kein Genie wie Bacon oder Boyle mehr sein muß, um naturwissenschaftlich
zu denken, so wird man irgendwann kein Heiliger mehr sein müssen, um
moralisch zu handeln, weil soziale Intelligenz genauso selbstverständlich geworden
ist, wie heute die naturwissenschaftliche Intelligenz, in die die Kinder
so unmittelbar hineinwachsen, daß sie sie schon mit dem bloßen Heranwachsen
üben. - Nur in diesem Sinne möchte ich Vorbild sein: als jemand, der einfach
intelligente Lösungen favorisiert. - Außerdem: „Für die Menschheit“... Sie sehen
das immer so superlativ. Was ist der Unterschied, ob Sie für die ganze
Menschheit in diesem Sinne Vorbild sind oder nur in Ihrer unmittelbaren sozia-
len Umgebung? Quantität ist ein gewisser angenehmer Luxus, ja - aber es
kommt doch nicht wirklich darauf an! Wir neigen hier dazu, einem irreführenden
Bild aufzusitzen. Sehen Sie: es verhält sich doch mit der sozialen Intelligenz
eines Menschen im Licht der Weltöffentlichkeit nicht so, daß er gleichsam einen
warmen Strom in ein kaltes Meer einträgt und die soziale Intelligenz eines Büroangestellten,
einer Bauersfrau, eines Arbeitslosen nur einen Fingerhut voll
Wärme! Denken Sie lieber ans Feuer: ein Flächenbrand kann von einem Kometeneinschlag
ausgelöst werden, aber auch von einem Funken - jeder Funke hat
das Potential dazu! Auch wenn er vielleicht wegen der Umstände erstmal nur
dazu reicht, ein weiteres Partikel zum Glühen zu bringen, bevor er selbst verlischt.
I.1: Verzeihen Sie, wenn wir Sie ein bisschen triezen, aber das sind wirklich sehr
salbungsvolle Worte - eines Predigers würdig.
W.: Nun, gestatten Sie einem alten Mann, einfach mal so zu reden, wie er es auf
dem Herzen hat. - Wissen Sie, ich glaube, daß der Ruhm für die Menschen um
so wichtiger wird, je weiter ihre Lebensform sich vom Dorfleben entfernt hat.
Im Dorf ist man nach seinem Tod nicht nur in der Erinnerung der Freunde und
Familienangehörigen lebendig. - Ich habe, dort wo ich aufgewachsen bin, viel
von einer Bäuerin gelernt. Sie hat für mein Leben eine große Bedeutung, obwohl
wir selten ein Wort miteinander gewechselt haben. Sie wurde im Dorf oft
aufgesucht, um bei Konflikten zu vermitteln. Sie strahlte Güte, Ruhe und
Gleichmut aus. Wenn wir Kinder ihr begegneten und gerade über irgendetwas
erbost oder traurig waren, dann war allein diese Begegnung für uns schon ein
kleiner Trost, denn Ihre Erscheinung flößte uns immer die Zuversicht ein, daß
es schon irgendeinen Weg geben würde, die Probleme zu lösen oder zu einem
Konsens mit dem Unabänderlichen zu kommen. Freilich konnten wir das als
Kinder noch nicht so artikulieren. - Auch an einige andere Männer und Frauen
des Dorfes erinnere ich mich heute noch mit - ja, was soll ich sagen - mit Respekt?
Vielleicht besser: mit einer Art Dankbarkeit. Denn einfach durch ihr Da-
sein hat sich mir etwas vom Menschsein vermittelt, das maßgeblich zu meinem
positiven Lebensgefühl beigetragen hat. - Der Malermeister Müller zum Beispiel,
der mir in der Kirche - ich war 4 oder 5 - immer mit einem Auge zublinzelte,
wenn ich mich neugierig überall umsah und sich unsere Blicke trafen.
Dabei blieb seine Miene unbewegt ernst und andachtsvoll, aber gerade deshalb
war es so, als ob er das für einen Augenblick nur aus Spaß mime - so als wenn
er sagen wollte: „Paß auf, so sieht jemand aus, der ernst und andachtsvoll ist“. -
Oder der alte Zerbelkroth, ein alter Waldarbeiter, der nie verheiratet gewesen
war und etwas zurückgezogen lebte. Man sah ihn immer in bedächtigem stillem
Ernst im Wald und auf den Wiesen Kräuter sammeln und dabei erinnerte
seine hagere krumme Gestalt an einen großen Storch. Wenn wir Kinder ihm
begegneten geschah nicht viel. Er nickte uns nur leicht mit dem Kopf zu, und
obwohl ich nie gesehen habe, daß er mit einem von uns Kindern je ein Wort
gewechselt hätte, war es so, wie das Zunicken unter Verständigten. - Sehen Sie,
sie haben sich alle überliefert durch ihr Leben selbst, ohne Bücher zu schreiben
oder biographiewürdig zu werden oder einer Formel ihren Namen zu geben. -
Ich finde, es lohnte einmal, darüber nachzudenken, inwieweit das Profilierungsbedürfnis,
das heute die absurde Produktion des Überflusses und des Unsinns
immer mehr anheizt, eine Folge davon sein könnte, daß man außerhalb
eines engen Familien- und Freundeskreises niemanden mehr beim Aufwachsen
begleitet. Verstehen Sie das? Daß man außerhalb eines engen Familien- und
Freundeskreises niemanden mehr beim Aufwachsen begleitet - ich glaube, das
bekommt uns nicht. - Im Dorf hat jeder sein Publikum, ob er will oder nicht.
Wer im nationalen oder globalen Dorf der Medien ein Publikum haben will,
muß sich erst überdurchschnittlich profilieren.
I.2: Das klingt so, als ob Sie für das Dorfleben als Lebensform plädieren wollten.
W.: Nein. Glauben Sie mir, ich kenne das Dorfleben. Ich kenne seine Tücken
und Hässlichkeiten. Ich plädiere nicht für diese Lebensform sondern ich will
nur einen Aspekt davon herausstellen, weil ich glaube, daß sich daran etwas
zeigt: Wir bleiben von unserem Wesen her Dorfbewohner. Wenn es kein Dorf
mehr gibt, fangen wir an, Äquivalente dafür zu suchen und seien sie auch noch
so merkwürdig - oder wir beginnen abzustumpfen oder zu verbittern.
I.2: Nun, zumindest hat sich Ihnen aus Ihren frühen und langjährigen Erfahrungen
mit Dörfern eine ergiebige und maßgebliche heuristische Ressource gebildet...
I.1: Verzeihen Sie die Ironie, aber wir haben beide den Eindruck gewonnen, daß
Sie geneigt sind, so zu tun, als ob es für Ihr Leben gar nicht wesentlich gewesen
sei, daß Sie ein Außergewöhnlicher sind. - Ist es möglich, daß Sie sich schlecht
mit der Tatsache anfreunden können ein Genie zu sein, ein vom Schicksal existentiell
Privilegierter, und es Ihnen deshalb wichtig wird, eine Lebensphilosophie
zu entwickeln, nach der es darauf nicht ankommen darf - nach der jeder
ein so gelungenes und erfülltes Leben erreichen kann wie Sie?
W.: Vielleicht treffen Sie damit den Nagel auf den Kopf.
I.1: Dürfen wir mit dieser offenen Frage das Gespräch beenden?
W.: Ja, das ist ein guter Abschluß.
I.1: Herr Winkler, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch.
Winfried Lintzen lebt und arbeitet in Groß Kelle und Berlin.